Was ist Vibe Coding?
Vibe Coding heißt Software mit Sprache bauen statt Code schreiben. Collins Dictionary Word of the Year 2025. Was steckt dahinter — und was verändert es für Produktverantwortliche?
TL;DR: Vibe Coding heißt, Software durch natürliche Sprache und KI-Tools zu bauen statt Code zu schreiben. Was Anfang 2025 als Entwickler-Meme begann, ist heute ein wachsender Markt — ein steigender Anteil der Nutzer sind Nicht-Entwickler. PMs veröffentlichen Apps im App Store, Solo-Gründer bauen Produkte mit $7.000 monatlichem Umsatz, Unternehmen ersetzen sechsstellige Agenturverträge durch intern gebaute Tools. Die Kompetenz verschiebt sich: nicht weniger Engineering, sondern anderes Engineering.
Ein Produktmanager in Prag ohne Programmierhintergrund hat eine iOS-App im App Store veröffentlicht. Über sechs Monate baute er 13 Projekte: eine native App für Eltern, ein Web-Admin-Tool, ein ML-Modell und ein internes Tool für Ressourcenallokation. Alles mit natürlicher Sprache und KI-Tools. Keine einzige Zeile Code selbst geschrieben.
„Es gab nie einen Mangel an Ideen zum Bauen", schrieb er. „Nur die Hürde, mit dem Bauen anzufangen."
Die Hürde ist weg.
Woher der Begriff kommt
Andrej Karpathy — ehemaliger AI-Chef bei Tesla, Mitgründer von OpenAI — hat den Begriff im Februar 2025 geprägt:
„There's a new kind of coding I call 'vibe coding', where you fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists."
Karpathy meinte das halb ironisch. Für Wochenendprojekte, bei denen sauberer Code egal ist. Aber der Begriff hat sich verselbständigt — so sehr, dass Collins Dictionary ihn zum Word of the Year 2025 wählte. Heute beschreibt er etwas, das weit über Wochenendprojekte hinausgeht: echte Software bauen, ohne eine Programmiersprache zu beherrschen.
Wie es funktioniert
Vibe Coding ersetzt Programmiersprachen durch natürliche Sprache. Du beschreibst der KI, was du brauchst. Die KI erzeugt den Code. Du prüfst das Ergebnis, gibst Feedback, iterierst.
- Beschreiben — Was soll die App tun? In normaler Sprache, nicht in Python oder JavaScript
- Generieren — Ein KI-Tool erzeugt den Code (Lovable, Claude Code, Cursor, Replit)
- Prüfen — Funktioniert es? Sieht es richtig aus? Löst es das Problem?
- Iterieren — Korrekturen und Ergänzungen, wieder in natürlicher Sprache
Das ist kein neuer Prozess. Es ist ein neues Interface für etwas, das Produktverantwortliche bereits können: beschreiben, was gebaut werden soll, und das Ergebnis beurteilen. Nur liegt die Feedback-Schleife jetzt bei Minuten statt Wochen — und am Ende steht nicht ein Dokument, sondern funktionierende Software.
Was damit gebaut wird
Ein wachsender Anteil der Vibe-Coding-Nutzer sind Nicht-Entwickler. Und sie testen nicht nur. Sie bauen und shippen.
Uber nutzte Lovable, um Design-Konzepttests von sechs Wochen auf fünf Tage zu komprimieren. Zendesk ging von einer Idee zu einer funktionierenden Anwendung in drei Stunden — statt sechs Wochen Wartezeit auf Engineering. Bei McKinsey bauten Mitarbeitende Anwendungen in wenigen Stunden, auf die sie vorher vier bis sechs Monate gewartet hatten.
Bei SaaStr entstanden über 12 produktiv genutzte Apps per Vibe Coding. Darunter ein Speaker-Review-System, das automatisch über 4.000 Bewerbungen bewertet — keine Demo, keine Studie, sondern ein produktives System, das $180.000 Agenturkosten pro Jahr ersetzt. Ein Solo-Gründer ohne Dev-Hintergrund baute mit Claude Code eine App bis auf $7.000 monatlich wiederkehrenden Umsatz.
Bei Replit baute eine HR-Mitarbeiterin, frustriert von Standardlösungen, in drei Tagen ein maßgeschneidertes Organigramm-Tool. Ohne Engineering-Ressourcen, ohne Procurement-Prozess. Bei Klarna nutzt CEO Sebastian Siemiatkowski Vibe Coding, um persönlich Konzepte zu validieren — statt „seine armen Engineers und Product Leute mit dem zu behelligen, was zur Hälfte gute und zur Hälfte schlechte Ideen sind."
Das Muster: Leute, die den Problemen am nächsten sind, bauen die Lösungen selbst. Nicht weil sie Programmierer geworden sind. Sondern weil die Übersetzung von Absicht zu funktionierender Software keinen Entwickler mehr zwingend voraussetzt.
Die neue Kernkompetenz
Vibe Coding macht Programmiersprachen optional. Was es nicht optional macht: Denken. Die Kompetenz verschiebt sich — weg von Syntax, hin zu vier Fähigkeiten, die Produktverantwortliche bereits mitbringen.
Problemdefinition. Je präziser du beschreibst, was gebaut werden soll, desto besser das Ergebnis. „Bau mir eine App" erzeugt Müll. „Bau eine Bestellverwaltung für Gastronomen mit Tagesübersicht, Statusfilter und Push-Benachrichtigung bei neuen Bestellungen" erzeugt etwas Brauchbares. Replits CEO beobachtet, dass PMs zu den besten Vibe Codern gehören — weil ihr Hintergrund sie trainiert hat, Probleme in klare, präzise Schritte aufzubrechen.
Kontext und Constraints. Die KI weiß nicht, wer deine Nutzer sind, welches Problem du löst, oder welche Einschränkungen gelten. Das musst du liefern: Persona, Problem Description, Feature-Liste, Design-Richtung. Ein strukturierter Input schlägt einen vagen Prompt jedes Mal. Das ist kein Bonus — es ist die Voraussetzung.
Architekturverständnis. Du musst keinen Code lesen können. Aber du solltest verstehen, dass eine App aus Frontend, Backend und Datenbank besteht. Dass Daten irgendwo gespeichert werden müssen. Dass ein Button eine Aktion auslöst, die irgendwo verarbeitet wird. Ohne dieses Grundverständnis kannst du Fehler nicht einordnen — und die KI erzeugt Fehler, regelmäßig.
Und dann der Punkt, den Walmart bei der internen Besetzung von „Agent Builder"-Rollen bestätigt hat: Die knappe Kompetenz war nie ML-Forschung oder Prompt Engineering. Es war Domänenkontext — operatives Verständnis und die Fähigkeit, die richtigen Probleme zu identifizieren. Die Leute, die den Problemen am nächsten waren, stellten sich als die besten Builder heraus.
Hebel, nicht Abkürzung
Vibe Coding ist nicht „weniger Engineering." Es ist Hebelwirkung. Boris Cherny, der Claude Code bei Anthropic gebaut hat, sagt: „Coding ist praktisch gelöst. Wir werden sehen, dass der Titel ‚Software Engineer' verschwindet. Es wird einfach ‚Builder' oder ‚Product Manager' sein."
Das bedeutet nicht, dass Qualität irrelevant wird. Im Gegenteil. Die Disziplin verlagert sich:
Constraints sind der kreative Akt. Ohne klare Vorgaben erzeugt die KI generischen Code, der niemandem hilft. Mit klaren Vorgaben — Zielgruppe, Kernfeatures, Design-Richtung — entsteht etwas Spezifisches. Nicht der Code differenziert, sondern die Constraints.
Iteration schlägt den großen Wurf. Vibe Coding funktioniert am besten in kleinen Schritten. Ein Feature nach dem anderen. Testen, anpassen, weiterbauen. Der Prompt „Bau mir eine komplette CRM-App mit Kundenverwaltung, Pipeline, E-Mail-Integration und Dashboard" klingt effizient. Das Ergebnis ist meistens ein Haufen Code, in dem kein einzelnes Feature richtig funktioniert.
Du bist der Qualitätsfilter. Die KI hat kein Urteilsvermögen über dein Produkt. Sie erzeugt, was du verlangst. Wer die Fachkompetenz hat zu erkennen, ob das Ergebnis das Problem löst, kann damit echte Produkte bauen. Wer nicht, erzeugt nur schnelleren Müll.
Was Builder wissen müssen
Vibe Coding ist mächtig. Es ist nicht makellos. In der Branche spricht man vom „Vibe Coding Hangover" — dem Moment, in dem die Grenzen sichtbar werden.
Eine Analyse von CodeRabbit zeigt: KI-geschriebener Code enthält 1,7x mehr schwerwiegende Issues und 2,74x mehr Sicherheitslücken als menschlich geschriebener Code. Eine Studie von METR fand, dass erfahrene Entwickler mit KI-Tools insgesamt 19% langsamer waren — weil die gesparte Schreibzeit im Debugging wieder verloren ging.
Das „Cookies and Candles"-Problem: Vibe-Coding-Tools erzeugen mühelos polierte Oberflächen, hinter denen brüchige Architektur stecken kann. Wie eine schön inszenierte Wohnung mit defekter Elektrik — sieht gut aus, bis jemand einzieht.
Die Antwort ist nicht, weniger zu bauen. Die Antwort ist, bewusster zu bauen. In der Praxis entsteht gerade eine Unterscheidung: Vibe Coding für schnelle Exploration und Validation. Vibe Engineering für alles, was unter echten Bedingungen halten muss — mit strukturierten Specs, Sicherheitsregeln und schrittweiser Validation statt einem einzigen Prompt.
Für Entwickler verschiebt sich die Rolle vom Code-Schreiber zum „Building Inspector": weniger tippen, mehr prüfen, Architektur sichern, entscheiden ob KI-generierter Code in Produktion darf. Für Produktverantwortliche heißt das: Vibe Coding gibt dir die Fähigkeit zu bauen. Die Fähigkeit zu wissen, was es wert ist gebaut zu werden, hattest du schon vorher.
Was sich verändert
Der eigentliche Shift ist nicht technisch. Er ist kulturell. LinkedIn startet „Full Stack Builder"-Programme. Walmart besetzt „Agent Builder"-Rollen intern. Meta-PMs nennen sich auf LinkedIn „AI Builders", obwohl ihre offiziellen Titel unverändert sind. Sal Khan, auf dem Leading With AI Summit: „Die Leute, die einfach nur auf die Spec warten, werden es schwer haben. Aber die Leute, die sagen: ‚Ich gehe zum Kunden, und ich kann es bauen' — die werden es großartig machen."
Vibe Coding verändert nicht, was gute Produkte ausmacht. Nutzerverständnis, klare Problemdefinition, sinnvolle Features — das bleibt. Was sich ändert: Die Lücke zwischen „ich weiß was gebaut werden sollte" und „ich kann es bauen" schließt sich. Für jeden, der bereit ist, den Loop selbst zu besitzen.
Ronny Schüritz
Co-Founder von Build With Vibe. Technical Lead und AI-Enthusiast.
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